Konzeptuelle Erarbeitung einer neuen Dauerausstellung

Das Sigmund Freud Museum in Freuds ehemaligen Lebens- und Arbeitsräumen zeigt seit 1971 eine Dokumentation von Leben und Werk des Begründers der Psychoanalyse. Mittlerweile besuchen ca. 75.000 Gäste jährlich das Museum in der Wiener Berggasse 19, darunter viele Schulklassen sowie überwiegend Gäste aus dem Ausland. Diese BesucherInnen sehen sich mit einer Dauerausstellung konfrontiert, die seit 1985 unverändert ist und den Anforderungen an eine zeitgemäße Museumspräsentation nicht mehr entsprechen kann. Für die Neukonzeption der Dauerausstellung verantwortlich zeichnet Direktorin Mag. Monika Pessler, die das Konzept mit der wissenschaftlichen Mitarbeiterin Dr. Daniela Finzi und unter Einbeziehung von ExpertInnen aus Psychoanalyse, Kulturwissenschaften, Museumsarchitektur und Vermittlung sowie Mediendesign erarbeiten wird. Sämtliche konzeptuelle Überlegungen folgen der Prämisse, dass die neue Dauerausstellung eine zweifache Funktion erfüllen muss: Erinnern und Bewahren auf der einen, Forschen und Entwickeln auf der anderen Seite.

 

Publikation des Keynote Vortrags der Konferenz „Zeitgemäßes über Narzissmus und Krieg“ (im Erscheinen)

Paul Verhaeghe: Narziss in Trauer – Das Verschwinden des Patriarchats

Hg. vom Sigmund Freud Museum Wien. Aus dem Englischen von Sergej Seitz

Turia + Kant 2015

Sigmund Freuds Texte „Zur Einführung des Narzissmus“ und „Trauer und Melancholie“ wurden vor dem Hintergrund des Ersten Weltkriegs verfasst, der auch einen Umsturz im kollektiven Bewusstsein bedeutete: Aus einer Epoche des Narzissmus, die in der Zeit des Fin de Siècle ihren Höhepunkt fand, fiel die westliche Kultur innerhalb kurzer Zeit in eine Ära der Depression und der Suche nach neuen Führern.

Der bekannte belgische Psychoanalytiker Verhaeghe verortet dieses Phänomen in der psychischen Dynamik des Unbewussten. Das Schicksal des Narzissmus und seiner vom Vater geliehenen Allmachtsphantasie besteht in der unweigerlichen Enttäuschung derselben, der Entthronung des Vaters und der Suche nach neuen Vaterfiguren.

Verhaeghe geht diesen Zusammenhängen bei Freud im Detail nach, um zu zeigen, dass das Scheitern des Narzissmus in eine „vaterlose“ Gesellschaft führt, in eine Zeit, in der neben der Erleichterung über das Ende des Patriarchats eine Trauer um den Vater zu finden ist.

 

Paul Verhaeghe, PhD, ist ordentlicher Universitätsprofessor an der Universität Gent und hat den Lehrstuhl für Psychoanalyse und Beratungspsychologie inne.

Sergej Seitz unterrichtet am Philosophischen Institut der Universität Wien

 

Ebenso im englischen Original erhältlich (im Erscheinen)

 

Paul Verhaege:Narcissus in Mourning - The Disappearance of Patriarchy

Edited by the Sigmund Freud Museum.

Turia + Kant 2014

One way to understand a concept is to contrast it with its opposite. In Verhaeghe’s way of thinking, narcissism is the counterpart of melancholia. Narcissism implies completeness and omnipotence. It harks back to the identification with the almighty mother. She is almighty because she can give what the child lacks. During the oedipal period, this identification shifts to the father, who functions as a safeguard for the mother. Melancholia implies loss and helplessness. The failure of the original fantasy of omnipotence is the inevitable failure of the father and the safety that he was meant to guarantee; there is in fact no final phallic guarantee whatever. Consequently, a  typically neurotic reaction is the endless search for a substitute, creating a series of imaginary fathers. This leads to secondary narcissism and stays within the realm of phallic thinking.

We are accustomed to interpreting these ideas at the level of the individual – the child with his parents, the oedipus complex and so on. When Freud was writing his essays ‘On Narcissism’ and ‘Mourning and Melancholia’, the very same clash was happening on a global scale. Phallic narcissism was brutally shattered by the First World War, and a period of universal mourning followed – the mourning of the father, of The Father. In Verhaeghe’s view, this mourning announced the end of patriarchy, in other words, the end of traditional authority. This compels us to rethink the concept of authority as such.

Paul Verhaeghe, PhD, is senior professor at Ghent University and holds the chair of the department for psychoanalysis and counseling psychology.

 

Publikation der Sigmund Freud Vorlesung 2014: Judith Butler: Politik des Todestriebes. Der Fall Todesstrafe.

Hg. vom Sigmund Freud Museum Wien und aka, Arbeitskreis Kulturanalyse Wien
Aus dem Amerikanischen von Gerald Posselt und Sergej Seitz

Turia + Kant 2014

»Politics of the Death Drive: The Case of the Death Penalty« wurde für die Sigmund Freud Vorlesung 2014 in Wien verfasst

»Gerade weil wir zerstören können, sind wir dazu verpflichtet, es nicht zu tun.« (Judith Butler)

Anhand von Derridas spätem Seminar über die Todesstrafe zeichnet Butler dessen Fokus nach, dass Gegner der Todesstrafe nicht weniger Nietzsches »Fest der Grausamkeit« beiwohnen als dessen Befürworter. Sigmund Freuds Theorie in »Jenseits des Lustprinzips« ermöglicht es aber darüber hinaus, die soziale Institutionalisierung sadistischer Lust durch eine rechtliche und moralische Sprache zu begreifen. Es geht um die Rationalisierung institutionalisierter Destruktivität – eben etwa der Todesstrafe, die als Selbstverteidigung nicht länger rationalisiert werden kann.

 

Judith Butler ist Professorin für Rhetoric and Comparative Literature und Ko-Direktorin für das Programm Critical Theory an der University of California, Berkeley.
Gerald Posselt und Sergej Seitz unterrichten am Philosophischen Institut der Universität Wien.
Die Pubikation entsteht in Zusammenarbeit mit dem Sigmund Freud Museum Wien und aka, Arbeitskreis Kulturanalyse Wien.

 

Sammelband Psychoanalysis, Monotheism and Morality. The Sigmund Freud Museum Symposia 2009-2011.

Herausgegeben von Wolfgang Müller-Funk, Inge Scholz-Strasser, Herman Westerink. Unter Mitarbeit von Daniela Finzi, Leuven University Press 2013 (Figures of the Unconscious 12).

Renommierte Psychoanalyse-Expert/innen unterziehen in diesem Sammelband das Spannungsfeld von Psychoanalyse und Religion einer kritischen Untersuchung. Die Frage, ob und in welchem Ausmaß Monotheismus in semantischer und struktureller Hinsicht psychoanalytischen Einsichten entspricht, wird kontrovers beantwortet. Manche Beiträge bringen traditionelle Religionskritik des Freudianismus mit späteren religionsphilosophischen Theorien über – beispielsweise – Weiblichkeit zusammen. Um die Beziehung zwischen Psychopathologie und Moral zu beleuchten, gehen andere Beiträge von der Freudschen Prämisse aus, dass psychopathologische Phänomene einem Vergrößerungsspiegel gleich Aspekte oder Mechanismen der menschlichen Psyche, die unsere Subjektivität und als solche auch unsere moralischen Fähigkeiten und Verhalten konstituieren, zeigen.

Wolfgang Müller-Funk ist Professor für Kulturwissenschaft am Institut für Europäische und Vergleichende Sprach- und Literaturwissenschaft (Universität Wien) und Forschungskoordinator seiner Fakultät.

Inge Scholz-Strasser ist Vorsitzende der Sigmund Freud Privatstiftung and Direktorin des Sigmund Freud Museums in Wien.

Herman Westerink ist Privatdozent am Institut für Praktische Theologie und Religionspsychologie der Evangelisch-Theologischen Fakultät, Universität Wien.

Beiträge von:

Andreas De Block (University of Leuven), Fethi Benslama (University of Paris Diderot), Sergio Benvenuto (ISTC, Rome), Gohar Homayounpour (Shahid Beheshti University, Tehran), Felix de Mendelssohn (Sigmund Freud University, Vienna), Julia Kristeva (University of Paris Diderot), Lode Lauwaert (University of Leuven), Siamak Movahedi (University of Massachusetts), Wolfgang Müller-Funk (University of Vienna), Gilles Ribault (University of Paris Diderot), Céline Surprenant (University of Sussex), Inge Scholz-Strasser (Sigmund Freud Foundation), Herman Westerink (University of Vienna), Joel Whitebook (Columbia University), Moshe Zuckermann (Tel Aviv University)

 

 

 

ForMuse-Projekt „Berggasse 19: Ein Archiv als Museum, eine Bibliothek als Gedenkstätte“

Im Rahmen des vom bmwf und FWF initiierten Förderprogramms forMuse bewarb sich die Sigmund Freud Privatstiftung im April 2010 erfolgreich mit dem Projektantrag „Berggasse 19: Ein Archiv als Museum, eine Bibliothek als Gedenkstätte“. Das ursprüngliche Ziel des Projektes – das Verfassen eines Strategiepapiers zu einer Synergie von Archiv, Museum und Bibliothek der Berggasse 19 – entwickelte sich im Laufe der Projektlaufzeit (1.1.2011 – 30.6.2011) hin zur Konzeptualisierung einer Neugestaltung des Sigmund Freud Museums. Für das Projekt konnten vier externe Expert/innen gewonnen werden: Martin Guttmann (Künstler und Univ.Prof. Akademie der Bildenden Künste Wien), Bettina Habsburg-Lothringen (Leiterin Museumsakademie Joanneum Graz), Alexander Klein (Sozialhistoriker und freier Ausstellungskurator, Dresden) und Rainer Metzger (Professor für Kunstgeschichte an der Kunstakademie Karlsruhe).

 Für jegliche Umgestaltung des Sigmund Freud Museums gilt es, der Heterogenität des Hauses Berggasse 19 und ihren Besonderheiten in

• ideeller („Wiege der Psychoanalyse“; Zentrum von Freuds Berufs- und Privatleben von 1891 – 1938)

• materieller (größte europäische Forschungsbibliothek zur Psychoanalyse; Archivbestände, die sowohl den Nachlass der Familie Freud wie auch namhafter internationaler Psychoanalytiker/innen umfassen) und

• topographischer Hinsicht (Gründerzeitwohnung, deren heutige Nutzung als Museum nicht der ursprünglichen Nutzung als Privatwohnung und Ordination entsprach) gerecht zu werden.

 Ergebnisse des Forschungsprojektes finden Sie hier.

 

 

Wissen im Druck. Die Layout-Strategien des „Internationalen Psychoanalytischen Verlags“

Aufbauend auf die Erstellung der Objektdatenbank zu den Beständen der Sigmund Freud Privatstiftung 2008 wurdein diesem ergänzenden Projekt das Hauptaugenmerk auf die Bestände des Internationalen Psychoanalytischen Verlags gelegt. Das Projekt erforscht aus einer buch- und medienhistorischen ausgerichteten Perspektive die Strategien der Szientifizierung und deren Modifikationen ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Der Fragestellung, ob und inwiefern druckgrafische Merkmale, die sich vor allem um 1900 entwickelt haben, als Bedingungen wissenschaftlicher Produktivität verstanden werden müssen, wurde in einer Fallstudie nachgegangen. Sie beschäftigte sich mit den Layout-Strategien des Wiener „Internationalen Psychoanalytischen Verlags“ (IPV). Auf der Grundlage der Arbeiten von Murray Hall und Lydia Marinelli wurde dieses Unternehmen als Medienverbund erforscht, der nicht nur für die Geschichte der Psychoanalyse und damit für Wien von zentraler Bedeutung gewesen ist, sondern auch in exemplarischer Weise eine Verschiebung in der Genesis und Geltung wissenschaftlicher Diskurse in der Moderne anzeigt.

Grundlage für das Projekt sind die originalen Produkte des IPV, die heute in unterschiedlichen Archiven und Sammlungen aufbewahrt werden. Die im Sigmund Freud Museum aufbewahrte Sammlung stellt weltweit gesehen einen einmaligen Bestand dar, dessen Auswertung für eine erfolgreiche Bearbeitung der aufgeführten Fragestellung unerlässlich ist. Dazu wurden zunächst die relevanten Archivalien gesichtet, sortiert und, soweit nicht erfasst, katalogisiert. Ergänzend wurden die Nachlässe von Richard Sterba, die Materialen zu Adolf Josef Storfer und weitere Freud-Materialien in die Forschungsthematik integriert. Anschließend wurden die Ergebnisse in Form einer wissenschaftlichen Publikation der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ziel des Projektes war es, eine Gesamtschau aller Archive mit IPV-Beständen herzustellen. Die Bestände des Sigmund Freud Museums sind neben weiteren Beständen psychoanalytischer Institutionen in Wien dafür von zentraler Bedeutung. (Konzept: Christoph Windgätter)

 

Overconfidence bei Marktteilnehmern - eine psychologische Studie über Anlegerverhalten

Dr. Thomas Oberlechner, Psychology Department Head der Webster University, Vienna, untersucht unter Mitarbeit von Carol Osloer von der Brandeis University (Waltham, Massachusetts) das Phänomen der Overconfidence in einer empirischen Studie unter US-amerikanischen Wertpapierbrokern.

Overconfidence (übergroßes Selbstvertrauen) wird am Finanzmarkt mit einer Reihe von Phänomenen in Verbindung gebracht: Blasenbildungen in der Entwicklung von Marktverläufen sind ebenso ein Beispiel wie die Beobachtung, dass Privatinvestoren in der Regel zu aktiv handeln und es allzu große Volatilitäten in Aktienpreisen gibt. Aus der psychologischen Forschung gibt es Hinweise darauf, dass menschliche Overconfidence besonders stark in jenen Situationen ist, in denen es schwer fällt, genaue Urteile zu fällen. Gerade dieses Merkmal kennzeichnet aber die Entscheidungen in Finanzmärkten, wo Vorhersagen in der Regel nur mit Wahrscheinlichkeiten getroffen werden können, die nahe am Zufall liegen. Die von PMA-Hottinger in Auftrag gegebene Studie wird derartiges Verhalten mit empirischen Daten belegen und soll die Möglichkeit schaffen, Overconfidence in die Marktbeobachtung einfließen zu lassen.

Die Sigmund Freud Privatstiftung empfahl Dr. Oberlechner als Projektleiter und war an der Entwicklung des Forschungsauftrags beteiligt. Sie fungiert im laufenden Arbeitsprozess als Organisationsplattform und Schnittstelle zwischen PMA Hottinger und den Wissenschaftlern.

Die Sigmund Freud Privatstiftung organisierte die Auftaktveranstaltung der Zusammenarbeit am 29.11.2007 im Sigmund Freud Museum und bereitet die abschließende Präsentation vor, zu der Diskutanten aus dem In- und Ausland eingeladen werden. Die Herstellung einer gedruckten Projektdokumentation für die Kunden von PMA Hottinger wird ebenfalls durch die Sigmund Freud Privatstiftung abgewickelt.

 

PADD (Psychoanalytic Document Database)

Das im Oktober 2004 gestartete EU-Projekt PADD wurde im September 2005 abgeschlossen. Nach dieser ersten Projektphase, die von der EU zur Hälfte finanziert wurde, wird PADD von der Sigmund Freud Privatstiftung weiterbetrieben, gepflegt und ausgebaut.

Der Inhalt des EU-Projektes PADD ist der Aufbau einer europaweiten webbasierten Katalog- und Wissensdatenbank, die Primärquellen zur Geschichte der Psychoanalyse, wie Briefe, Werkmanuskripte, Photographien und sonstige Dokumente von Sigmund Freud und anderen Psychoanalytikern in einer wissenschaftlichen Kriterien genügenden und gleichzeitig benutzerfreundlichen Form auf einer Website präsentiert. Weiters sind auf dieser Website in einer Wissensdatenbank Informationen zu Leben und Werk von Psychoanalytikern und Psychoanalytikerinnen sowie ausführliche Bibliographien der jeweiligen Primär- und Sekundärliteratur zu finden.